Nachrichten aus der Presse

Glücklich mit einem Mann
Till O. Scheurle ist 34 Jahre alt, Chef eines Handwerksbetriebs und schwul…

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In Deutschland gibt es zirka vier Millionen Homosexuelle. Viele Vorurteile und Klischees sind damit verbunden. Doch welche davon sind echt? In unserer neuen Serie Ich liebe anders na und? stellen wir Schwule und Lesben und ihre Lebenssituation vor: heute Till O. Scheurle.

Von Martina Fürstenberger

Till Scheurle ist Chef einer Messebaufirma im Stuttgarter Westen. Er hat Betriebswirtschaft studiert, ist 34 Jahre alt und schwul. Scheurle steht dazu. Von meinen acht Mitarbeitern weiß das jeder, sagt er. Das ist im Betrieb aber kein Thema. Der Mensch dahinter zählt.

Schon in seiner Jugend fühlte sich Scheurle mehr zu Männern hingezogen als zu Frauen. Man ahnt es, dass man schwul ist, auch wenn man es sich nicht eingesteht. Trotzdem hatte er, bis er 25 Jahre alt war, nur Freundinnen. Ich war eher ein Frauenschwarm. Sechs Jahre lang war er mit seiner letzten Freundin zusammen. Als er merkte, dass es nicht mehr geht, war es für beide sehr schwer. Ich wollte ja gar nicht anders sein, sagt er. Ich bin doch selber mit Klischees über Schwule aufgewachsen. Außerdem dachte ich damals, ich sei der einzige auf der ganzen Welt. Doch der Drang nach dem gleichen Geschlecht ließ sich nicht mehr unterdrücken. Scheurle verarbeitete das Ganze zunächst für sich selbst, vertraute sich dann seinem Bruder an. Was dieser ihm sagte, gab ihm Mut: Wenn du glücklich bist, dann ist es okay.

Später merkte Scheurle, dass er wahrlich nicht der einzige auf der Welt ist. Es gibt Kneipen für Schwule, es gibt eigene Vereine und Gruppen. Man muss nur genauer hinschauen. Er begann, die Szene zu erkunden, hatte erste schwule Freunde groß erzählt hat er es jedoch nicht, auch seine Eltern wussten nicht Bescheid. Der Wunsch, es öffentlich zu machen, kam erst auf, als ich vor sieben Jahren meinen jetzigen Freund kennen lernte. Till Scheurle merkte schnell, dass Stephan der Mann fürs Leben ist. Das will man natürlich erzählen. Erst weihte er die Mutter ein, dann den Vater. Nachvollziehen können sie es vermutlich nicht, aber sie akzeptieren es. Besonders gefreut hat es ihn, als ihm sein Vater die selbe Frage stellte wie sein Bruder einige Jahre vorher: Bist du denn glücklich? Inzwischen gehört Freund Stephan dazu, auch bei Familienfesten wie vor kurzem bei der Hochzeit von Scheurles Bruder.

Aktiv beim Christopher Street Day

Meine Eltern haben gemerkt, dass unsere Beziehung auf den gleichen Werten beruht wie ihre Ehe. Über eine Verpartnerung wird bereits nachgedacht. Doch bisher sind damit noch mehr Pflichten als Rechte verbunden. In den letzten Jahren habe sich zwar schon viel verbessert. Doch Benachteiligungen von Homosexuellen gibt es immer noch. Seit einigen Jahren engagiert er sich deshalb im Organisationsteam des Christopher Street Day, seit diesem Jahr ist er Vorstand. Sein Freund und auch er selbst sind Mitglieder einer Motorradgruppe. Dort sind nicht nur Schwule und Lesben, sondern auch Heteros. Till Scheurle ist glücklich mit seinem Leben. Diskriminiert wurde ich nie. Doch einen Wunsch hat er: Dass es irgendwann keine Rolle mehr spielt, ob jemand homo- oder heterosexuell ist. Dann brauchen wir auch keine CSD-Parade mehr.

Esslinger Zeitung 10.08.05


Schwule Eltern, darf das sein?
Homosexualität und Kinderwunsch – In der Gesellschaft immer noch ein Tabu…

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Ich meine, es wird Zeit umzudenken!

Familie im konventionellen Sinn – das sind Mutter, Vater, Kind. Aber heutzutage gibt es auch viele homosexuelle Paare, die sich Kinder wünschen oder schon haben. Diese sogenannten „Regenbogen-Familien“ bestehen dann aus Vater – Vater – Kind oder Mutter – Mutter – Kind. Seit einigen Jahren gehen gleichgeschlechtliche Paare und Familien vermehrt an die Öffentlichkeit, um Vorurteile und Bedenken gegenüber homosexueller Elternschaft auszuräumen und ihre Rechte einzufordern. Studien haben ergeben, dass Kinder, die in solchen Familien aufwachsen, sich in ihrer Entwicklung nicht von Kindern in herkömmlichen Familien unterscheiden.

Zwar ist die Toleranz in der Gesellschaft gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren und Familien ein wenig gestiegen, doch rechtlich sind solche Familien noch immer stark benachteiligt, daran hat auch die Möglichkeit der eingetragenen Partnerschaft wenig geändert. Das Thema „Homosexuelle und Kinder“ blieb generell weitgehend unberücksichtigt. Es findet sich nur in dem so genannten „kleinen Sorgerecht“ und bedeutet, dass bei homosexuellen Paaren der Partner bei Alltagsfragen der Kinder mitreden darf. Mehr aber auch nicht.

Gayby-Boom, so wird der Wunsch von Schwulen und Lesben nach einem Kind genannt. Auch in Deutschland steigt dieses Interesse seit Anfang der neunziger Jahre kontinuierlich an. Rund 700.000 schwule und lesbische Paare mit Kindern soll es laut einer Studie des nordrhein-westfälischen Familienministeriums in Deutschland geben. Die meisten Kinder schwul-lesbischer Väter und Mütter stammen noch aus der heterosexuellen Vergangenheit. Aber was ist, wenn es keine heterosexuelle Phase oder keine Kinder aus dieser Zeit gibt und ein Kinderwunsch besteht?

Die Lösung wäre zum Beispiel eine Pflegeelternschaft. Bei einer Pflegeelternschaft wird auf Zeit oder auch dauerhaft die Verantwortung für Kinder übernommen, die aus verschiedenen Gründen nicht in ihrer Herkunftsfamilie leben können. Ein Antrag auf Pflegeelternschaft kann von Einzelpersonen, Paaren oder auch als Wohngemeinschaft beim zuständigen Jugendamt eingereicht werden. Konventionelle Pflichten dem Kind gegenüber werden vorausgesetzt – eingeschränkte Rechte sind Realität. Wird das Kind beispielsweise krank und muss medizinisch versorgt oder operiert werden, müssen die „richtigen“ Eltern gefragt werden. Wie mag es sich anfühlen ein Kind zu lieben und aufzuziehen, mit dem Hintergrund sehr eingeschränkte Rechte zu haben? Jederzeit damit rechnen zu müssen, dass Kind wieder weggenommen zu bekommen? Abhängigkeit von Willkürlichkeit – eine dauerhafte Belastung.

Viele Sachbearbeiter der Jugendämter tun sich schwer im Umgang mit homosexuellen Paaren. Das gilt selbst für Großstädte wie Berlin. Wie mag es dann erst in kleineren Städten oder gar in ländlichen Gegenden aussehen? Noch schwieriger? Unmöglich? In den Amtsstuben entscheiden einzelne Sachbearbeiter darüber, was sie unter „normalen Familienverhältnissen“ verstehen. Homosexuelle Partnerschaften fallen äußerst selten darunter.

Trotzdem beginnt sich der offizielle Ton seit einigen Jahren zu verändern. Es gibt viele Kinder, die dringend auf Pflegeeltern warten und es gibt zu wenig Menschen, die bereit sind diese Kinder aufzunehmen. In der Not empfahl die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter 1996, dass zukünftig auch gleichgeschlechtliche Paare als Pflegeeltern in Betracht gezogen werden sollten. Alles schön und gut. Die Praxis sieht dennoch in der Gesellschaft anders aus. Aussagen wie „Homosexuelle sind keine Familie“ fallen nicht selten. Das ist bitter und diskriminierend für die Betroffenen. Nicht nur, dass Schwule und Lesben auch heute noch, trotz eindeutig positiver Trendwendung, zu einer Randgruppe gehören – die Vorstellung, dass Homosexuelle Kinder haben möchten/können lässt mehr als 60% der Deutschen aufschreien.

Das traditionelle „Familienbild“ ist fest in den Köpfen verankert und lässt kaum andere Möglichkeiten zu. Selbst die Tatsache, dass gerade homosexuelle Paare oftmals beruflich und finanziell gut abgesichert sind, vernünftige moralische Wertvorstellungen haben, wird nicht bedacht. Ein wirklich bemerkenswertes Beispiel dafür, dass es durchaus funktionieren kann, ist ein lesbisches Paar mit zwei Kindern, die in unserer unmittelbaren Nachbarschaft leben und das „Problem“ auf wunderbare Weise gelöst haben. Gemeinsam mit einem eng befreundeten homosexuellen Paar hatten sie sich dazu entschlossen eigene Kinder zu bekommen, mit allen Rechten und Pflichten.

Die Kinder wachsen in einem liebevollen „normalen“ Umfeld bei den Müttern auf und sind in den Ferien bei den Vätern, die in einer anderen Stadt leben. Vor einigen Jahren sind die Vier mit eben diesem Thema an die Öffentlichkeit gegangen und waren zu Gast bei „Boulevard Bio“. Es war faszinierend und spannend zu erfahren, wie gelassen und vernünftig ihre Ansichten sind. Ich hatte einige Zeit nach der Sendung die Gelegenheit, einer der beiden Frauen meine Bewunderung für ihren Mut mitzuteilen, so offen darüber zu sprechen und dazu zu stehen. Selten habe ich solch eine aufrichtige Herzlichkeit wie von diesem „Elternpaar“ erlebt. Persönlich bin ich der absoluten Meinung, dass homosexuelle Paare durchaus das Recht auf Kinder haben sollten – wie jeder andere Mensch auch.

Es darf und muss auch schwule Eltern geben!


Schwule Eltern, darf das sein?
Homosexualität und Kinderwunsch – In der Gesellschaft immer noch ein Tabu…

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Elegante Kleidung, leicht rötlich gefärbte Haare, dezenter Schmuck an den Händen, Ohrring, sportliche Figur. Lutz Galle ist 44 Jahre alt und arbeitet als Immobilienkaufmann bei einem Stuttgarter Unternehmen. Abends fährt er zurück in seine Wohnung nach Murrhardt, oder er bleibt die Nacht über bei seinem Freund Denis in Stuttgart. In seiner Freizeit trainiert er bei der Schwimmabteilung des schwul-lesbischen Sportvereins Abseitz. Auch in Discos ist er zu sehen.

Vor einigen Jahren sah das Leben von Lutz Galle noch anders aus. Elf Jahre lang war er verheiratet, war Hausmann und Vater, während seine Frau ihrem Beruf als Lehrerin nachging. Drei Kinder haben die beiden bekommen. Im Freundeskreis galten wir als Traumpaar. Doch irgendwann begannen die Tagträume. Ich habe im Schwimmbad den Männern hinterher geschaut. Recht einordnen konnte Galle seine Gedanken zunächst nicht. Ich wusste nicht, dass ich schwul bin, hatte auch vorher keine sexuellen Kontakte zu Männern. Als er schließlich sein Coming Out hatte, war er bereits 38 Jahre alt. Das war 1999.

Der Fall von Lutz Galle ist zwar ungewöhnlich, aber kein Einzelfall. Jeden ersten Freitag eines Monats trifft sich eine Gruppe schwuler Väter und Ehemänner in den Räumen der Aids-Hilfe Stuttgart. Manche wussten schon immer, dass sie schwul sind, und haben trotzdem geheiratet, sagt Galle. Bei mir war das anders. Die Zeit nach seinem Coming Out war schwer. Nach vielen Gesprächen und Tränen entschlossen sich Galle und seine Frau zu einer Paartherapie.

Kinder leben bei der Mutter

Das hat uns geholfen, doch wir wussten danach, dass kein gemeinsames Leben mehr möglich war. Die Kinder blieben zunächst bei ihrem Vater, zogen nach einem Jahr Vorbereitungszeit dann zur Mutter. Wir haben beide ein neues Leben begonnen: ich hier und meine Frau in Freiburg. Inzwischen hat auch sie einen neuen Partner. Die Kinder, heute zehn, zwölf und 14 Jahre alt, besuchen den Vater regelmäßig. Die älteste Tochter leidet unter der Trennung. Doch sie schreibt: Ich habe meinen Vater auch lieb, wenn er schwul ist. Für Lutz Galle war das wichtig: Die Kinder sollten weder Vater noch Mutter verlieren. Eigentlich ist unsere Situation nicht anders als bei vielen Familien nach einer Scheidung. Nur dass es bei uns harmonisch abläuft.

Esslinger Zeitung (+Cannstatter Zeitung, Untertürkheimer Zeitung) 18.08.05